BK-74-MD
Der 1. FC Magdeburg schreibt Fußball-Geschichte
Am 8. Mai 1974 sorgte ein krasser Außenseiter für eine Sensation im internationalen Fußball. Im Finale des Europapokals der Pokalsieger besiegte der 1. FC Magdeburg den großen AC Mailand und holte sich damit den ersten und gleichzeitig einzigen internationalen Titel im DDR-Fußball. sportal.de erinnert an einen verschworenen Haufen rund um die Trainerlegende Heinz Krügel.
1974 hatte Krügel eine Mannschaft zusammengestellt, "die keine Mannschaft in Europa fürchten musste", wie er später mal sagte. Das Durchschnittsalter in der Truppe war gerade mal 23 Jahre und alle stammten aus Magdeburg und Umgebung.
Viele von ihnen sahen sich nicht nur beim abendlichen Training, sondern auch bei der Arbeit im Schwermaschinen-Kombinat Ernst Thälmann. So konnte eine harmonische Gemeinschaft entstehen, die über den Grenzen von Magdeburg hinaus für ihre große Kameradschaft untereinander bekannt war. "Wir haben zusammen gelacht, geweint und gefeiert", so Magdeburgs damaliger Nationalspieler Jürgen Sparwasser.
Solide Technik, starke Athletik
Neben Sparwasser brachte Krügel in seiner zehnjährigen Tätigkeit für die Bördestädter bis 1976 Nationalspieler wie Martin Hoffmann, Jürgen Pommerenke, Manfred Zapf oder Wolfgang Seguin hervor. Fußballer die den idealen Spieler im Sinne von Krügel mal mehr oder weniger verkörperten: Solide Technik und eine starke Athletik, die es möglich machten, hohes Tempo zu spielen und dabei nicht die taktische Disziplin außer Acht zu lassen.
Überlegen holte man sich 1972 ohne eine einzige Heimniederlage im Ernst-Grube-Stadion die erste Meisterschaft in der DDR-Oberliga und sammelte erste wichtige Erfahrung auf der internationalen Fußballbühne. Zwar schied man im Cup der Landesmeister in Runde zwei gegen Juventus Turin aus, doch Trainer Krügel war sich sicher, dass die besten Zeiten noch kommen sollten.
Mit dem Gewinn des FDGB-Pokals 1973 gegen Lok Leipzig sicherte man sich erneut den Zutritt für einen internationalen Wettbewerb. Und Krügel sollte Recht behalten. Trotz des jungen Alters hatte die Mannschaft schon jetzt das Maximum an Leistungsvermögen erreicht. Als erstes Team bekam es NAC Breda aus den Niederlanden zu spüren. Nach einem 0:0 fuhr man im Rückspiel vor über 25.000 Fans einen überlegenen 2:0-Erfolg ein.
Die wirklich wichtigen Tore des Jürgen Sparwassers
Schwieriger war dann das Aufeinandertreffen mit Banik Ostrava. Im Hinspiel verlor man mit 0:2, es sollte die einzige Niederlage im Wettbewerb bleiben, doch mit dem Wissen, jedes Spiel vor eigenem Publikum noch drehen zu können, behielt man im Rückspiel die Nerven und setzte sich nach Verlängerung mit 3:0 durch. Das bulgarische Team Beroe Stara Zagora (2:0/1:1) war dagegen leichter zu spielen und so stand man verdient im Halbfinale und traf auf den ersten Klub mit klangvollen Namen - Sporting Lissabon.
Beim Duell gegen die Portugiesen sollte die große Stunde von Jürgen Sparwasser schlagen. Im Hinspiel erzielte er das wichtige Auswärtstor beim 1:1 und zwei Wochen später machte er vor ausverkauften Rängen im Ernst-Grube-Stadion mit seinem 2:0 in der 70. Spielminute alles klar. Noch heute sagt Sparwasser, dass die Tore gegen Lissabon für ihn persönlich mehr bedeuten, als der 1:0-Siegtreffer bei der WM 1974 in Hamburg gegen den "Klassenfeind" Bundesrepublik.
Geisterkulisse im De Kuip
Es war also geschafft. Mit Magdeburg stand im Mai 1974 erstmals ein DDR-Club im Finale eines Europapokals. Austragungsort war das Stadion De Kuip in Rotterdam. Doch in der riesigen "Wanne" fanden sich gerade einmal 4.641 Zuschauer ein. Bis heute die niedrigste Besucherzahl bei einem Europacup-Finale. Dieser geringer Zuschauerzuspruch hatte natürlich Gründe. Die einen konnten, wie uns die Geschichte lehrte, nicht, und den anderen war das Spiel keine Reise wert. Denn für die Tifosis und möglichen Interessierten aus dem Land des Veranstalters stand der Sieger schon vor dem Anpfiff fest.
Der Trainer-Neuling auf Seiten des hohen Favoriten sah es ein wenig anders. "Wer das erste Tor schießt, gewinnt", prophezeite Giovanni Trapattoni damals. Trapattoni hatte die Weltstars aus Mailand um den legendären Spielmacher Gianni Rivera und den deutschen Libero Karl-Heinz Schnellinger gerade mitten in der Saison von Cesare Maldini, Vater von Paolo Maldini, übernommen.
Trapattonis Gegenspieler Krügel griff vor dem Spiel zu einer auch heute immer noch gängigen Methode in Sachen Spielermotivation. Krügel besorgte sich ein fränkisches Fußball-Fachmagazin, scherte seine Spieler um sich und las ihn den darin abgebildeten "David-Gegen-Goliath-Artikel" in aller Ruhe vor. Ein aufmerksamer Zuhörer war damals auch Helmut Gaube. Der Mann aus der Bezirksliga-Reserve kam für den gesperrten Klaus Decker ins Team und sollte Weltstar Rivera wenn nötig "bis auf die Toilette verfolgen..." Nicht nur dieser Plan sollte aufgehen.
Vor der Geisterkulisse in Rotterdam kam der haushohe Favorit Mailand besser ins Spiel. Ins Zentrum des Geschehens rückte dabei Mannschaftskapitän und Libero Manfred Zapf: "In den ersten zwanzig Minuten hatten Torwart Ulli Schulze und ich eine Menge zu tun, doch dann bekamen wir die Mailänder immer besser in den Griff. Die haben uns unterschätzt und waren nach dem 0:1 total von der Rolle."
Geburt einer Legende
Zapf spielte auf Enrico Lanzi, der in der 40. Spielminute den Ball in die eigenen Maschen beförderte. Spätestens jetzt sah man den Mailändern die Verunsicherung an. Magdeburg spielte in Rotterdam eindrucksvoll auf. Taktisch von Krügel auf den Punkt genau eingestellt, beherrschten sie die Mailänder. Zudem waren sie ihren Gegner auch körperlich überlegen. Manchmal hatte man den Eindruck, dass elf durchtrainierte Leichtathleten Ball und Italiener immer unter Kontrolle hatten.
In der 74. Minute setzte dann Axel Tyll Mitspieler Wolfgang Seguin in Szene. Der Nationalspieler lief noch ein paar Meter und jagte dann den Ball aus kurzer Entfernung und spitzem Winkel unter die Latte. Es war die Entscheidung. Mailand hatte schon lange nicht mehr die Kraft, um das Spiel noch drehen zu können. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff warfen die Magdeburger Betreuer ihren schwitzenden Helden statt einer Trainingsjacke weiße Malimo-Bademäntel über die Schultern. Eine Legende war geboren.
Während die Magdeburger noch ihre Ehrenrunden liefen und den Moment des Triumphs ausführlich genossen, lief die Propagandamaschine im Arbeiter- und Bauernstaat heiß. Das Kollektiv aus dem Sozialismus hatte die technisch perfekten Individualisten besiegt. Und obwohl die Siegesfeier am Tag danach auf dem Alten Markt immer wieder von Reden der SED-Funktionäre unterbrochen wurde, war der Jubel um die Helden von Rotterdam riesig. Auf einem eiligst umgebauten LKW-Anhänger ließen sich die meist langhaarigen Helden von über tausend Menschen feiern. Doch nicht alle durften diesen Moment genießen. Die aktuellen Nationalspieler reisten direkt von Rotterdam ins schwedische Trainingslager, um sich auf die WM in der Bundesrepublik vorzubereiten.
Bis 1976 dauerte der Erfolg in Magdeburg an, als man sich dann aber von Trainer Krügel "trennte", ging es langsam bergab. Der fleißige Sachse, der über zehn Jahre lang in Magdeburg gewirkt hatte, ließ sich nicht von Politikern und Funktionären reinreden: "Ich muss meine Mannschaft trainieren und dort Erfolg haben. Und ihr seht zu, dass die Wirtschaft und alles in Ordnung kommt."
Eine Trainerlegende als Hausmeister
Als die Stasi Krügel informierte, man habe die Bayern-Kabine in der Halbzeitpause beim Europapokal der Landesmeister am 6. November 1974 verwanzt und er könne jetzt jede Anweisung von Udo Lattek mithören, empörte er sich ("Das beschmutzt meine Berufsehre") und lehnte ab. Krügel, der selbst von über einem halben Dutzend IM's bespitzelt wurde, durfte zwar zunächst weitermachen, doch das Ende seiner Tätigkeit wurde bereits eingeläutet. Er durfte nie wieder als Trainer arbeiten und wurde als Objektleiter bei einer Betriebssportgemeinschaft eingesetzt. Er musste sich jetzt als besserer Hausmeister nun um kaputte Glühbirnen, Klopapier und um die Einteilung der Reinigungskräfte kümmern.
Krügel starb im Oktober 2008, seine Helden treffen sich seit neun Jahren regelmäßig im Mai um in Erinnerungen zu schwelgen oder die immer noch intakte Kameradschaft zu pflegen. Ab und an zwängt man sich auch mal wieder ins Trikot, um für wohltätige Zwecke dem runden Leder nachzujagen. Nur ein Wunsch ist den Helden in den Malimo-Bademäntel nicht erfüllt worden, wie Manfred Zapf berichtet: "Wir hätten gerne noch einmal gegen den AC Mailand gespielt. Das ist von uns Magdeburgern immer mal wieder versucht wurden, aber wegen fehlenden Interesses aus Mailand nie zustande gekommen."
Quelle:
http://www.sportal.de/sportal/generated/article/fussball/2009/11/10/14853900000.html
FCMatze
[quote="madcynic"][quote="BK-74-MD"]Viele von ihnen sahen sich nicht nur beim abendlichen Training, sondern auch bei der Arbeit im Schwermaschinen-Kombinat Ernst Thälmann.[/quote]
Is jetzt nich deren Ernst, oder...[/quote]
Selbst die Spieler vom ehemaligen DDR-Ligisten Motor Schönebeck, welche im SKET "arbeiteten" wurden im SKET nur bei der Ausgabe der Lohntüten gesehen :lol:
stallion
super Beitrag, finde es nur sehr schade das es kein Spiel gegen Milan möglich ist.
angeblich ja kein interesse, ich glaube sie haben nur einen Ruf zu verlieren, wenn sie gegen den Viertligisten antreten der sie damals im Europapokalfinale besiegt hat :). Nein, ich finds einfach schade...
MD-Reiner
[quote="stallion"]super Beitrag, finde es nur sehr schade das es kein Spiel gegen Milan möglich ist.
angeblich ja kein interesse, ich glaube sie haben nur einen Ruf zu verlieren, wenn sie gegen den Viertligisten antreten der sie damals im Europapokalfinale besiegt hat :). Nein, ich finds einfach schade...[/quote]
ja das ist wirklich schade. Aber sie würden nicht nur an dieses Spiel erinnert, sie hätten es bei einer Zweitauflage auch mit mehr blau/weißen- Fans zu tun! Das verursacht erst richtig Muffensausen :lol: ;) und ein glattes 4:0 für uns.