Aerolith
Aus [url=http://www.vonwolkenstein.de/forum/showthread.php?275-Elvis-lebt]Text[/url] wird manchmal [url=http://www42.zippyshare.com/v/4hjoiwO5/file.html]Musik[/url]. Ein Lied, ein politisches, [url=http://www.tabularasamagazin.de/artikel/artikel_4198/]ein garstig Lied[/url]. (für diese Zeitung habe ich mal als Student geschrieben.... lang lang ist's her)
Aerolith
Ehrenrettung von Agnes Miegel [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/312-Poesiew%C3%BCrdigungsstuhl-%28II%29]hier[/url]
Mick Jagger
[quote="Aerolith"]Ehrenrettung von Agnes Miegel [url=http://www.vonwolkenstein.de/forum/showthread.php?312-Poesiew%C3%BCrdigungsstuhl-%28II%29]hier[/url][/quote]
Das sie seit 1933 in der NS-Frauenschaft aktiv war verschweigst genauso wie die Tatsache, dass sie sehr wohl Nazi-Anhängerin war. Oder das sie als systemtreue Schriftstellerin in den Senat der preußischen Akademie der Künste berufen wurde und dort im Vorstand saß. Das kannst du auch bei Manfred Overesch (Das Dritte Reich 1933 - 1939, Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur) nachlesen.
[url=https://de.wikipedia.org/wiki/Agnes_Miegel#Nationalsozialismus]Wikipedia[/url]
Aerolith
Ich verschweige gar nichts, denn ich erhebe keineswegs den Anspruch, Agnes Miegel vollständig erfaßt zu haben. Ich erhebe lediglich den Anspruch, Agnes Miegel eine Dichterin von Format zu nennen. Und genau dieses Format wird ihr abgesprochen, gerade eben auch von Dir, weil sie in einem Nazigremium arbeitete. Das hat doch nichts mit ihren Fähigkeiten als Dichter zu tun. Das würde ja im Umkehrschluß bedeuten, daß nur der ein guter Dichter sein kann, der die korrekte politische Einstellung besitzt. Eine solche primitive Weltsicht lehne ich ab. Du magst Agnes Miegel nicht mögen wollen, das ist Dir überlassen, sie aber als Nazischriftstellerin zu bezeichnen, ist falsch. Im Gegensatz zu Dir, nehme ich an, habe ich mich mit ihrem literarischen Werk beschäftigt. Wenn Du mir Textstellen beibringen kannst, in denen sie der nationalsozialistischen Ideologie gemäß schreibt, revidiere ich mein Urteil über sie. Im vorliegenden Buch habe ich allerdings nichts gefunden. Daß sie ein paar Lobeshymnen auf Hitler schrieb, bestreitet keiner. Das ist eine persönliche Lobhudelei, die ich ablehne, nicht nur für Hitler, sondern prinzipiell. Aber die umfassen einen Bruchteil ihres Werkes. In dem von mir besprochenen Buch von 1936 findet sich nichts, was auf nationalsozialistische Ideologie gemünzt werden kann, es sei denn, man subsumiert Heimatliebe und Naturverbundenheit darunter, die bei den Nazis hoch im Kurs standen. Das trifft aber auch auf die Romantik, den sozialitischen Realismus, den Naturalismus, den Impressionismus und sogar auf etliche Dichter zu, die überhaupt keinem -ismus zuzurechnen sind, sondern schlichtweg aus ihrem Gemüt schreiben.
Abgesehen davon gibt es zig sehr gute Autoren, die in der Nazizeit in irgendwelchen Gremien arbeiteten, genau wie es zig gute Autoren gibt, die in kommunistischen Gremien arbeiteten und dennoch sehr gute Autoren sind. Einem Dichter sind politische Umstände ziemlich abhold, nur für Schriftsteller sind sie wichtig, denn die benötigen das politische Kolorit, um schreiben zu können. Agnes Miegel wäre auch bedeutsam, wenn es die Nazizeit nicht gegeben hätte, denn der Großteil ihres Werkes steht jenseits politischer Bewertbarkeit, formuliert Ewiges. Deshalb ist sie auch eine Dichterin und keine Schriftstellerin, weil sie das Ewige einfängt. Würde sie heute leben, würde man sie landauf, landab feiern.
Mir hat ihr autobiographisches Buch gefallen. Ich halte es nicht für herausragend, aber für ziemlich gut. Ich werde mir auch ihr lyrisches Werk anschauen. Später. So gut war sie auch nicht, daß ich jetzt gleich das nächste Buch von ihr lesen muß.
[u]Nachsatz[/u]: Ich verteidige Agnes Miegel aus prinzipieller Haltung. Sollten sich die politischen Rahmenbedingungen ändern und plötzlich weibliches Schreiben grundsätzlich von den neuen Machthabern abgelehnt werden oder Dichter wie Anna Seghers, Christa Wolf oder Else Lasker-Schüler aufgrund ihrer Nähe zu den Kommunisten oder aus rassischen Gründen abgelehnt und diffamiert werden, würde ich mich auch für diese Autoren einsetzen.
Sioux
[quote="Aerolith"]... Wenn Du mir Textstellen beibringen kannst, in denen sie der nationalsozialistischen Ideologie gemäß schreibt, revidiere ich mein Urteil über sie.[/quote]
[quote="Agnes Miegel (28.05.1933)"]... Ich wende mich täglich mehr
dieser neuen Zeit zu. Sie ist für
Deutschland, am allermeisten aber für uns
im Ostland nicht nur der neue Weg –
sondern der einzige Weg, unendlich hart
und mühselig in seinen Anforderungen für jeden ...[/quote]
[quote="Agnes Miegel (Memelland/Über der Weichsel drüben)"]... Nach Ostland wollen wir reiten,
nach Ostland wollen wir gehen! ...[/quote]
[quote="Agnes Miegel (Mutterherz)"]Als in Höhle und Dickicht Dein Erstgeborenes lag
Da, o Mutter, begann Deiner milden Herrschaft Tag!
Solange sich Erde begrünt, wird Dein Reich bestehn!
Krone wirst Du tragen, wenn alle Kronen vergehn!
Über Nacht und Gericht, noch aus dem Weltenbrand,
Streckst Du tröstend und rettend die heilende Hand,
Leben noch tragend im Tod, schirmend noch im Vergehn -
Wirst Du über uns, ewiges Sternbild stehn![/quote]
Zur Interpretation dieser Zeilen hilft die Kenntnis über die von Agnes Miegel verwendete Symbolik. 'Ewiges Sternbild' -> Deutsche Nation, 'Mutter' -> Deutschland
[quote="Agnes Miegel (An Deutschlands Jugend)"]Wir stehen, wir Deutsche,
Volk das zu Volk fand, folgend dem Ruf des Führers,
Stehen zum erstenmal, nicht Gatten und Brüder
Nur allein, wir stehen, Frauen und Kinder,
Auf uns zu nehmen wie sie die Schrecken des Krieges:
Feuer und Nacht und Not und grausames Sterben,
Wie es das Schicksal bestimmt.[/quote]
Natürlich verwendete Agnes Miegel nicht die platte, stumpfe Ausdrucksweise ihrer Zeitgenossen und dennoch [b]glaube [/b]ich, ihre Übereinstimmung mit dem Regime zu erkennen. Bewusst habe ich auf die sogenannten Auftragswerke verzichtet. Insbesondere "An Deutschlands Jugend" mit der zeitgemäßen Attitüde bzgl. des Schicksalsbegriffes kann [b]in meinen Augen[/b] als Bejahung zur totalen Hingabe, zum totalen Gehorsam, ja zum "totalen Krieg" verstanden werden.
Aerolith
Ich glaub es nicht. Die von Dir angegebenen Textstellen ließen sich mirnichts, dirnichts in andere Zeiten übertragen. Ich fragte nach NATIONALSOZIALISTISCHEN, RASSISTISCHEN Belegen, nicht nach Führerkult, Kriegsbegeisterung oder ähnlichem. Führerkult war um 1920/30 weit ausgeprägt und keineswegs nur auf die Nazis zu münzen. Ich erinnre an Max Webers entsprechende Schriften, an Carl Schmitt, an Schriften aus Frankreich von links bis rechts. Führerkult ist nichts, was Agnes Miegel zur rassistischen Nazischranze macht.
[i]Nach Ostland reiten... [/i]Nun ja. Die Alliierten hatten Ostpreußen vom Reich abgetrennt. Die Ostpreußin Miegel sehnte sich nach Wiederanschluß ans Reichsgebiet. Daran ist nichts typisch Nationalsozialistisches.
Was ist am [i]Mutterherz-Text[/i] nationalsozialistisch? Klär mich mal auf! Der Text könnte auch in einem Bachofen-Almanach aus dem Jahre 1855 stehen. Der könnte sogar in einem matriarchalischen Buch von 5000 v.-Chr. stehen. Weltenbrand ist ein christlich-konnotierter Begriff. [i]Deutschlands Jugend[/i]... Demutshaltung ist das und kein Aufruf dazu, andere Völker aufgrund eigener Überlegenheit zu unterdrücken. Das WÄRE nationalsozialistisch, wenn sie das gemacht hätte. Hat sie aber nicht.
Such einen Text, in dem sie direkt AUFGRUND rassischen Überlegenheitsdünkels zum Mord an minderwertigem Leben, Völkern, Rassen aufruft! Du wirst keinen finden, denn Miegels Welt ist nicht von der Nazi-Ideologie durchwoben, wie es ihr unterstellt wird. Das würde sie als Nazischranze überführen, nicht aber der kriegerische Aufruf zur WIEDERGEWINNUNG verlorenen Landes (nach Osten laßt uns reiten - ich sehe das eher in John Wayne-Manier als Aufruf dazu, in die Schlacht zu ziehen, um Verlorenes wiederzugewinnen), nicht die Aufforderung, den Krieg als Schicksal zu begreifen oder die Lubhudelei und der Glaube, daß Hitler derjenige sei, der den Weltenbrand zugunsten des eigenen Volkes entscheiden könne. Einzig das letzte ist mir einen halben Punkt bei der Beweisführung wert. Aber das wußten wir vorher, daß Miegel eine Hitlermacke hatte. Das wundert auch nicht, denn viele sahen in Hitler den ersehnten Führer, der sie aus eigener Not herausführen würde. Das macht sie aber nicht zu einer rassistischen Schriftstellerin, die zur Unterdrückung, zum Mord und zu Versklavung minderwertig bestimmten Lebens und minderbewerteter Völker aufruft.
Das muß man unterscheiden. Ich gebe zu, daß Deine Textausschnitte keineswegs GEGEN nationalsozialistische Ideologeme verstoßen, aber wir suchen hier Alleinstellungsmerkmale des Nationalsozialismus in Miegels Texten und da das UNHUMANE, das MENSCHENVERACHTENDE, das DOGMATISCHE. Heimatliebe, Kriegsbegeisterung (zur Erringung des Verlorenen) oder Aufrufe zum Ausharren sind KEINE Alleinstellungsmerkmale des Nationalsozialismus, sondern treffen auf viele Lesarten des Lebens aus beinahe allen historischen Epochen zu. Das Typische des Nationalsozialismus ist sein Rassendünkel, ist sein auf diesem aufbauender Überlegenheitsdünkel, der jedes Mittel rechtfertigen soll, um die Macht herzustellen. Das ist das Thema, das ist der Vorwurf an Miegel, daß sie das gemacht haben soll. Und das suchen wir in ihrem Werk. Wenn wir es finden, ist der Vorwurf, sie sei eine Nazischranze, gerechtfertigt. Finden wir es nicht, muß der Vorwurf revidiert werden.
Stichwort "totale Bejahung". Nun ja, die wird heute auch verlangt, sogar im Berufsleben soll man sich zu 100% mit Anweisungen von Vorgesetzten einverstanden erklären, sich im Kollektiv bewähren, für die Gruppe, die Gemeinschaft, die Firma, als ob das ein Schicksal sei, man soll alles geben und sich nicht vom Weg abbringen lassen - wie die Firmenleitung es will. Und wehe, einer hat eine andere Meinung: dann sollte er schnell seine Partei verlassen und sein Parteibuch abgeben, andernfalls schadet seine persönliche Sicht dem Ansehen der Partei. Oder der Entwicklung der Firma. Oder der Außendarstellung einer Behörde, eines Amtes, eines Vereins...
Nazis?
Mick Jagger
[quote="Aerolith"]
....
Das WÄRE nationalsozialistisch, wenn sie das gemacht hätte. Hat sie aber nicht.
.....
[/quote]
Da sich die Miegel selbst als Nationalsozialist bezeichnet hat, kannst du ihr doch nicht widersprechen! Oder ist das Zitat doch nur aus dem Zusammenhang gerissen? :shock:
[url=http://www.muenster.de/stadt/strassennamen/agnes-miegel-strasse.html]"Denn ich bin Nationalsozialist."[/url]
Sioux
Anders als in epischen Werken nutzt die Lyrik aus Gründen von Prägnanz und Kraft häufiger rhetorische Mittel wie Reime, Metaphern und auch rhetorische Figuren. Im Ergebnis will, kann und muss Lyrik interpretiert werden.
Um bspw. den Sinn eines Gedichts zu verstehen, muss das Gedicht im Kontext von Person, Zeitgeschehen, Haltung etc. gesehen werden.
Eine Lyrikerin, welche sich in Ihren Briefwechseln, Zeitungsartikeln zum NS bekennt, eine von Dir attestierte "Hitler-Macke" hat, ein gesellschaftlicher Zeitenwandel - all das bietet den Kontext der Werke von Agnes Miegel. Warum sollen genannte Zitate anders (als von mir getan) interpretiert werden? Warum soll in diesem Kontext die wiederkehrende Metapher des "weißen Mannes" nicht als Rassismus interpretiert werden. Warum sollte ich eine harmlosere Sicht walten lassen, wo sich Agnes Miegel doch klar positioniert hat?
Warum?
[quote="Aerolith"]Stichwort "totale Bejahung". Nun ja, die wird heute auch verlangt, sogar im Berufsleben soll man sich zu 100% mit Anweisungen von Vorgesetzten einverstanden erklären, sich im Kollektiv bewähren, für die Gruppe, die Gemeinschaft, die Firma, als ob das ein Schicksal sei, man soll alles geben und sich nicht vom Weg abbringen lassen - wie die Firmenleitung es will. Und wehe, einer hat eine andere Meinung: dann sollte er schnell seine Partei verlassen und sein Parteibuch abgeben, andernfalls schadet seine persönliche Sicht dem Ansehen der Partei. Oder der Entwicklung der Firma. Oder der Außendarstellung einer Behörde, eines Amtes, eines Vereins...
Nazis?[/quote]
Stimmt, wird gerne verlangt. Ich erbringe diesen (bequemen) Gehorsam auch im Job nicht, gelte als schwierig. Deshalb hat mich aber niemand entlassen, enteignet, eingesperrt, geschlagen, getötet ...
Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich.
Stefanie
[quote="Aerolith"]Ich fragte nach NATIONALSOZIALISTISCHEN, RASSISTISCHEN Belegen[/quote]
A.M.: " Wir werden ein nationalsozialistischer Staat sein – oder wir werden nicht sein! Und das wäre der Untergang nicht nur Deutschlands – es wäre der Untergang des weißen Mannes.“
In der Erzählung "Das Lösegeld" begründet sie -
Zitat:"die NS-Vererbungs- und Rassenideologie, da sowohl Figuren, die eine Zeitlang einer anderen als niedrigerstehend empfundenen Kultur (hier den Tataren) ausgesetzt war, als auch ihre Kinder Veränderungen hinsichtlich ihres Verhaltens und Aussehens aufweisen, die von Miegel mit negativen Konnotationen verbunden wurden."
(Eva-Maria Gehler: Weibliche NS-Affinitäten. Grade der Systemaffinität von Schriftstellerinnen im »Dritten Reich«. Königshausen & Neumann, Würzburg 2010, S. 136 f.)
Aerolith
Sie konnte ja schlecht behaupten, sie sei Mick Jagger oder ein Sioux. Ist das was anderes?
Wenn ich Deinen Vorwurf richtig verstehe, Du schweigst Dich ja darüber aus, dann meinst Du, daß jemand, der sich als Nationalsozialisten bezeichnet, keine gute Literatur schreiben kann? Ist das der Vorwurf an Agnes Miegel? Daß also alles, was sie schrieb, nur durch die Brille menschenverachtenden Rassismus gelesen werden kann, ergo nichts wert sein kann? Etwa so, als wenn ein Maler, Schauspieler, Architekt, Fleischer, Fußballspieler, Politiker, Hausfrau oder Philosoph, der das von sich auch sagen würde, schlichtweg nicht respektiert werden dürfte, weil er eben in einer Selbstbekundung sich "Nationalsozialist" nannte? Verstehe ich das richtig? Ist es also egal, was sie schrieb, weil sie ja irgendwann mal den Nationalsozialismus als Weltanschauung für sich entdeckt hatte [und stur dabei blieb, wie das Ostpreußen nun mal gerne mach(t)en: sie bleiben stur bei einmal getroffenen Entscheidungen]. Mit anderen Worten: Wir müssen nicht länger im Wortwerk Miegels suchen, weil ALLES, was sie schrieb, nur unter dem Gesichtspunkt ihrer weltanschaulichen Grundentscheidung BEWERTET werden muß. Wenn die Frau von Rosen schreibt, ist das unter dem Blickwinkel rassistischer Weltwahrnehmung genauso zu interpretieren wie eine Bemerkung über das Brandenburger Tor?
Ist das die These, die Du hier vertrittst?
Daß Dichter immer AUCH im Kontext ihrer Zeit gelesen werden müssen, ist richtig. Es geht hier aber um die Totalität der Bewertung. Jeder gute Dichter schreibt auch zeitlos, nicht nur, aber er setzt ewig-menschliche Berührungspunkte, so daß es uns Menschen aus dem Jahre 2015 möglich ist, einen Text wie das beinahe 5000 Jahre alte Gilgamesch-Epos zu verstehen - wenigstens in Teilen, was bedeutet, wir verstehen die menschlichen Beweggründe für das Handeln der Protagonisten.
Ich bin kein Fan Miegels, aber ich erkenne in ihrem Schreiben zuerst einmal die Dichterin und keineswegs die durch Tagespolitik, Ideologie oder Parteilichkeit gesteuerte Ideologin, als die sie mir hier verkauft werden soll. Daß sie in ihrer Zeit stand und mit ihrer Hitlermacke gehörig nervt, ändert für mich nichts an der zuweilen auftretenden Großartigkeit ihrer dichterischen Leistungsfähigkeit, wozu ich die Lobeshymnen an Hitler nicht zähle, was aber nichts mit Hitler zu tun hat, sondern mit meiner Abneigung gegen Elogen. Zwei Dinge fehlen bei ihr, um sie zur Nazischranze zu machen: Es gibt keine rassistische Konnotation, auch die Verwendung des "weißen Mannes" ist keineswegs rassistisch, sondern folgt schlichtweg dato üblichen Bildern, wie sie auch zahlreiche Nichtnazis ihrer Zeit verwendeten: Seit kurzem wird der Abgesang auf den weißen Mann gepflegt. Allerdings benutzt auch die [url=http://www.zeit.de/2012/48/Zeitgeist-Ade-weisser-Mann]ZEIT[/url] das Bild Miegels, eben den des (meist) protestantischen Erfinders, Entdeckers, Wegbereiters. Ist die ZEIT rassistisch?
Ich lasse mich gern von einem Textausschnitt eines Besseren belehren. Ich fand jetzt keinen Text von ihr, in dem sie den "weißen Mann" rassistisch benutzte, nur einen Brief, in dem sie dieses Bild benutzte, natürlich in einem Endzeitszenarium, wie sie es oft machte, etwa in der Art: [i]Wenn Deutschland zugrunde geht, ist das nicht nur das Ende Deutschlands, sondern auch das des weißen Mannes.
[/i] Das ist kein Rassismus, sondern schlichtweg prophetisches Gelaber, eine Dystopie. Dachte sie an die Russen? Sind die nicht weiß? Nein, sie sind es für Miegel nicht, sondern asiatische Hordentiere. Sie hatte die Russen 1914 bereits erlebt, als deren Eindringen in Ostpreußen verschleppte, getötete und vergewaltigte Ostpreußen zu Hauf zur Folge hatte, bevor Hindenburg sie wieder aus Ostpreußen verjagte. Tannenberg. Rassismus? Also: die Briten nennen uns "Hunnen". Sind die auch Rassisten? Alle? Externes Bild wurde aus Datenschutzgründen blockiert (www.history.ucsb.edu)
Wir wollen die Texte Miegels prüfen, nicht Interpretationen der Texte. Das von Stefanie genannte Zitat belegt nur eines, daß Miegel nämlich glaubt, daß ein verlorener Krieg der Untergang Deutschlands sei, was ja auf der Hand liegt. Angesichts der Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg assoziiert sie auch, daß dies zu einer erneuten Schwächung Europas führen muß, also des gesamten weißen Mannes: rasse- und kriegsparteiübergreifend. Es gibt nämlich sehr viele weiße Rassen, nicht nur eine. Das ist also kein Rassismus, sondern schlichtweg eine prophetische Feststellung für einen Menschentypus. Für Miegel ist der "weiße Mann" der, ähnlich in der ZEIT beschriebene, Forschertyp, der den Fortschritt in der Welt brachte. Man darf hier auch nicht vergessen, daß die Niederlage des Reiches im Ersten Weltkrieg keineswegs zu einer besseren politischen Lage in Europa geführt hatte. Zahlreiche bloodlands in Südost- und Mitteleuropa und eine desolate Wirtschafts- und Finanzpolitik von London bis Warschau zeigten deutlich, daß nicht die richtige Seite den Krieg gewonnen hatte. Meine Meinung. Ich denke, Miegel sah das ähnlich und befürchtete, daß der Krieg, in dem Deutschland 1939/40 steckte, die Gefahr der völligen Vernichtung nicht nur Deutschlands mit sich bringen würde, wenn Deutschland diesen Krieg verlieren würde. (Sie hätte sich ja mal fragen können, ob es zu diesem Krieg hätte kommen müssen. Tat sie aber nicht, weil das nicht ihre Brille ist, die sie aufhatte. Ein Dichter sieht die Welt mit anderen Augen als ein Historiker wie meinereiner.) Miegels Text läßt diese Interpretation zu, wenigstens genauso wie die Interpretation, die Stefanie anführt. Ich hätte gern die Textstelle, in der Miegel andere Völker als minderwertig beschreibt.
Heute würde man das so ausdrücken: "Ein Dritter Weltkrieg würde das Ende der zivilisierten Menschheit bedeuten." Gemeint wäre etwas Ähnliches wie bei Miegel.
Daß Miegel in ihrer Prophetie irrte, ist unser Glück. Weder Deutschland noch der "weiße Mann" sind untergegangen, auch wenn uns die ZEIT oder PEGIDA etwas anderes erklären und den Untergang des Abendlandes behaupten.
Der Vergleich mit der 100%igen Bejahungsnotwendigkeit hinkt keineswegs. Bei den Nazis war nicht der Gehorsam entscheidend, ob man Teil des Ganzen war, sondern die Rassenzugehörigkeit. Ein Jude konnte gehorsam sein, wie er wollte, es spielte keine Rolle. Er wurde nicht als Teil des Ganzen begriffen und ausgestoßen. Das ist ja das Böse an der Naziideologie, daß die Rassenzugehörigkeit, die weder Wille und noch Fähigkeiten des Menschen verändern können, über seinen Wert GRUNDSÄTZLICH bestimmen soll. Was soll man da (als Jude oder Araber oder Ungar) machen, wenn man zu den Deutschen gehören will?
Du Unbeugsamer! Ich empfehle Dir die Prüfung: Sag etwas Verbotenes und beharre darauf. Berichte von Deinen Erlebnissen!
Ihre Begeisterung für Hitler, die ihr wohl zurecht vorgeworfen werden kann, muß einen sexuellen Hintergrund gehabt haben, auch einen historischen, denn, wie gesagt: Hitler brachte ihr geliebtes Ostpreußen wieder ans Reich. Das erhöhte ihn in Miegels Augen ins Unermeßliche. Deshalb wurde sie 1940 Mitglied der NSDAP und blieb Hitler für dieses Erlebnis, also die körperliche Verbindung der alten Reichsteile, zeitlebens dankbar. Ich versuche das jetzt nachzuvollziehen. Hm... Ich kann es nachvollziehen. Na ja, sie war 61 Jahre alt, als sie in die NSDAP eintrat. Und 1945 ging das alles wieder verloren. Und mehr. Zeitlebens ist also relativ. Aber Deutschland überlebte und lebt heute wie nie zuvor! Siehste, Agnes!
Sioux
[quote="Aerolith"]Sie konnte ja schlecht behaupten, sie sei Mick Jagger oder ein Sioux. Ist das was anderes?[/quote]
Das war Quark - dass Avatare so fast gar nichts aussagen sollte Dir klar sein-
[quote="Aerolith"]... Du schweigst Dich ja darüber aus, dann meinst Du, daß jemand, der sich als Nationalsozialisten bezeichnet, keine gute Literatur schreiben kann?[/quote]
Da hast Du Recht. Diese Antwort bin ich Dir noch schuldig.
Ich bin der Meinung, dass ich - mehr noch als Du - zwischen Wirken/Werken und Person unterscheide. Ich treffe keine Entscheidung über die Gesamtheit ihres Wirkens - gut oder schlecht. Einzelne Werke gefallen mir sehr wohl - auch wenn mich bspw. die schlussendliche Resignation in "Die Frauen von Nidden" stört. Andere Werke sind mir zu pathetisch. Letztendlich kann ich ihr Werk (als Ganzes) - anders als Du - nicht als rühmenswert einschätzen. Allerdings bin ich kein Literat. Fakt aber ist, dass sie ihre Fähigkeit (Aussagen in Metaphern zu verkleiden) nicht genutzt hat, um Menschlichkeit zu vermitteln. Poeten sind häufig (fortschrittliche) Freigeister, die sich nicht unterwerfen. Dieser Mut fehlt mir gänzlich.
Die restliche bisher geführte Diskussion ist ein - wenn auch großes - Puzzle-Teil für mich.
Fazit: Nein, für mich ist es keine wichtige Dichterin.
Aerolith
Avatare sagen allerdings etwas über denjenigen aus, der sie einsetzt. Wenn ich mir eine Narrenkappe aufsetze, werde ich meist auch wie ein Narr behandelt. Das sollte einem halbwegs klardenkenden Menschen bewußt sein, wenn er sich wie ein gealterter Rockstar nennt. Mein avatar sagt auch etwas aus, das von terrier sagt etwas, das von Jörn und das von ratatoeskr auch.
Zur Adventszeit heute ein Hinweis auf die Geschichte. Zwischen Lehre und Leben lassen sich manchmal Verbindungen herstellen. Besonders schwierig wird das bei der Person Jesus. Meiner Meinung nach sollte er als Mensch betrachtet werden, denn nichts sagt mehr über einen "Gott" aus, als wenn er sich selbst Menschensohn nennt, während andere ihn als Gott verehren zu müssen glauben. Ich habe da mal eine historisch-sprachliche Annäherung an ihn versucht.
Mick Jagger
[quote="Aerolith"]Avatare sagen allerdings etwas über denjenigen aus, der sie einsetzt. Wenn ich mir eine Narrenkappe aufsetze, werde ich meist auch wie ein Narr behandelt. Das sollte einem halbwegs klardenkenden Menschen bewußt sein, wenn er sich wie ein gealterter Rockstar nennt. Mein avatar sagt auch etwas aus, das von terrier sagt etwas, das von Jörn und das von ratatoeskr auch. [/quote]
Deine Hausaufgabe für Heute:
1. Versuche zu ergründen was der Unterschied zwischen Avatar und Nickname ist.
2. Besuche die unten aufgeführte (sehr gut gemachte :mrgreen: ) Internetseite und vergleiche den Nickname des hier schreibenden Users mit dem dort aufgeführten Klarnamen. Vielleicht fällt dir ja was auf. Externes Bild wurde aus Datenschutzgründen blockiert (www.cosgan.de)
Jörn
na das ist doch mal ein interessanter text. wobei aus meiner sicht zu viel auf die frage, wer genau ist schuld an Jesus Kreuzigung eingegangen wird. ich weiß bei den christen/theologen ist das ein heiß diskutiertes Thema, aber warum eigentlich. wer immer schuld ist, ist schon lange tot. und Juden da irgendeine schuld zu geben ist ja eh lächerlich, weil Jesus selbst jude war. er ist als jude geboren und als solcher gestorben und wenn man ihn gefragt hätte, wäre er wohl nie auf die Idee gekommen sich als was anderes zu bezeichnen als ein Jude. zum Religionsstifter wurde er ja erst im nachhinein gemacht. wenn die Juden also eine Kollektivschuld haben, würde man ihm ja selbst die schuld geben als teil des kollektives. interessante frage am rande. war die Kreuzigung schlimm? ohne Kreuzigung keine Auferstehung, keine coole jesusgeschichte, kein Christentum?
ebenso interessant wäre die frage danach, wann er wie gesehen wurde. ich glaube dass er bis zum jahr 100 von überhaupt niemanden als Gott oder gottes sohn betrachtet wurde, weder von sich selbst noch von seinen jüngern. aber je länger er tot war desto mehr kamen um die ecke, die ihn erst als gottes sohn und später als Gott selbst zu bezeichneten gipfelnd im Konzil von Nicäa im jahr 325, wo per Abstimmung festgelegt wurde, was er eigentlich war. allerdings wird das relativ ungern beleuchtet habe ich das gefühl, weil wenn er sich selbst und von seiner Nachwelt von seinen Anhängern nur als mensch gesehen wurde und sich die Sicht erst später geändert hat, wäre die Wahrscheinlichkeit selbst aus gläubiger Christ Sicht sehr hoch, dass er auch nicht mehr war. und das würde den eigenen Jahrhunderte später festgelegten glauben ja irgendwo in frage stellen.
gelöscht
[quote="Sioux"][quote="Aerolith"]... Wenn Du mir Textstellen beibringen kannst, in denen sie der nationalsozialistischen Ideologie gemäß schreibt, revidiere ich mein Urteil über sie.[/quote]
[quote="Agnes Miegel (28.05.1933)"]... Ich wende mich täglich mehr
dieser neuen Zeit zu. Sie ist für
Deutschland, am allermeisten aber für uns
im Ostland nicht nur der neue Weg –
sondern der einzige Weg, unendlich hart
und mühselig in seinen Anforderungen für jeden ...[/quote]
[quote="Agnes Miegel (Memelland/Über der Weichsel drüben)"]... Nach Ostland wollen wir reiten,
nach Ostland wollen wir gehen! ...[/quote]
[quote="Agnes Miegel (Mutterherz)"]Als in Höhle und Dickicht Dein Erstgeborenes lag
Da, o Mutter, begann Deiner milden Herrschaft Tag!
Solange sich Erde begrünt, wird Dein Reich bestehn!
Krone wirst Du tragen, wenn alle Kronen vergehn!
Über Nacht und Gericht, noch aus dem Weltenbrand,
Streckst Du tröstend und rettend die heilende Hand,
Leben noch tragend im Tod, schirmend noch im Vergehn -
Wirst Du über uns, ewiges Sternbild stehn![/quote]
Zur Interpretation dieser Zeilen hilft die Kenntnis über die von Agnes Miegel verwendete Symbolik. 'Ewiges Sternbild' -> Deutsche Nation, 'Mutter' -> Deutschland
[quote="Agnes Miegel (An Deutschlands Jugend)"]Wir stehen, wir Deutsche,
Volk das zu Volk fand, folgend dem Ruf des Führers,
Stehen zum erstenmal, nicht Gatten und Brüder
Nur allein, wir stehen, Frauen und Kinder,
Auf uns zu nehmen wie sie die Schrecken des Krieges:
Feuer und Nacht und Not und grausames Sterben,
Wie es das Schicksal bestimmt.[/quote]
Natürlich verwendete Agnes Miegel nicht die platte, stumpfe Ausdrucksweise ihrer Zeitgenossen und dennoch [b]glaube [/b]ich, ihre Übereinstimmung mit dem Regime zu erkennen. Bewusst habe ich auf die sogenannten Auftragswerke verzichtet. Insbesondere "An Deutschlands Jugend" mit der zeitgemäßen Attitüde bzgl. des Schicksalsbegriffes kann [b]in meinen Augen[/b] als Bejahung zur totalen Hingabe, zum totalen Gehorsam, ja zum "totalen Krieg" verstanden werden.[/quote]
Da. Irgend eine nationalsozialistische Gesinnung hinein interpretieren zu wollen halte ich für fanatisch.
Gesendet aus dem Jahr 1955 mit Flux-Kompensator
gelöscht
[quote="Stefanie"][quote="Aerolith"]Ich fragte nach NATIONALSOZIALISTISCHEN, RASSISTISCHEN Belegen[/quote]
A.M.: " Wir werden ein nationalsozialistischer Staat sein – oder wir werden nicht sein! Und das wäre der Untergang nicht nur Deutschlands"
[/quote]
Das ist eine völlig wertfrei Feststellung die 100-prozentig zutrifft.
Gesendet aus dem Jahr 1955 mit Flux-Kompensator
Aerolith
Bin immer auf der Suche nach neuen und alten Worten. Heute zwei Beispiele aus Ostwestfalen:
Gniffelkopf und Miesepröppel.
Die Bildung neuer Wörter kennzeichnet die Substanz einer Sprache. Übernimmt sie zu viele Wörter aus anderen Sprachen, stirbt sie. Übernimmt sie keine Wörter aus anderen Sprache, erstarrt sie - und stirbt auch. Das rechte Maß besteht in der Verbindung des Fremden mit dem Eigenen - das nennt man Assimilation.
ride_free
Spät abends noch verrückte Geschichten lesen bekommt mir nicht, als ich gestern im Hallunkenforum allerlei Theorien über die Kartenvergabe las begann meine Fantasie Purzelbäume zu schlagen, innerhalb 120 Sekunden ersann mein Brägen einen Plot mit allerlei Anspielungen.
Irgendwie hatte ich keine Ruhe mehr und schrieb den Kram nieder.
Der folgende Text erhebt nicht den Anspruch gelesen, verstanden oder als unterhaltsam empfunden zu werden.
Rechtschreibung ist Glückssache.
Wegen der Vollständigkeit habe ich das erste Kapitel hier nochmal eingefügt, auch wenn ich es schon im Spieltagsthread gepostet hatte, der dort befindliche Post darf gerne ins Nirvana verschoben werden, sollte das Duplikat einen Mod stören.
Die Geschichte ist ein Fragment und fiktiv, Seitenhiebe sollten nicht überbewertet werden.
[b]„shortcut to hell“[/b]
Kapitel 1
In der Nacht von Sonntag auf Montag Mitte Januar, ein schwarzer Kombi deutscher Herstellung rollt durch die verschneiten Straßen der Stadt, die dem Fahrer ungewöhnlich hell erscheinen.
Mit Freude registriert er den fehlenden Verkehr, lediglich ein Rettungswagen mit ausgeschaltetem Blaulicht schleicht ihm entgegen.
Endlich sieht er sein Ziel, ein Schild zeigt es ihm an: „ZOB“.
Er biegt ab ohne auf die Ampelphase zu achten oder zu blinken, fährt vorbei und findet schließlich einen Parkplatz der ihm zusagt, unter der einzigen defekten Straßenlaterne der gesamten Straße.
In Gedanken: „Lieber auf Nummer sicher gehen.“
Der Fahrer steigt aus und eilt zu Fuß zurück Richtung ZOB.
Er ist gut gekleidet, trägt einen halblangen schwarzen Wintermantel der nicht nur teuer aussieht, dazu einen dunkelgrauen Schal aus Kaschmir und schwarze Handschuhe aus feinstem Kalbsleder, die ein kleiner Familienbetrieb in Italien auf Kundenwunsch fertigt.
Ein Blick auf seinen Sport-Chronographen schweizer Bauart verrät ihm die Uhrzeit, 0:31 Uhr.
Während er den ZOB links liegen lässt und weiter Richtung Hauptstraße eilt, fällt auf, dass seine stimmige Erscheinung nicht so recht zu seinem nervösen Verhalten passt, immer wieder ein zaghafter Blick über die Schulter, am auffälligsten aber ist die Schachtel die er unter dem linken Arm trägt, sie will partout nicht zum Rest des Mannes passen, braun, von der Größe eines Schuhkartons, schmucklos.
Er biegt rechts in die Hauptstraße ein, geht unter den Gleisen hindurch, schafft es sich durch die Baustelle zu schlängeln ohne dabei seine Halbschuhe zu ruinieren und gelangt schließlich zum Kölner Platz. Ohne sich weiter umzusehen betritt er das Bahnhofsgebäude und geht zielstrebig auf die Schließfächer auf der linken Seite zu, in der oberen Reihe steht ein Fach weit offen.
Er schmeißt seine Last förmlich hinein, schließt die Tür und wirft, nachdem er in seiner rechten Manteltasche danach gewühlt hat, ein paar Euro in den Schlitz.
Ein leiser Fluch kommt über seine Lippen „Verdammt!“, dass Fach mit der Nummer 70 lässt sich nicht verschließen, er versucht den Schlüssel zu drehen aber trotz großen Kraftaufwandes bewegt dieser sich keinen Millimeter. Seine Nervosität steigert sich, er reißt die Tür des Schließfachs auf stellt sich auf die Zehenspitzen, langt in das Fach um die Schachtel wieder herauszufischen.
Fach Nummer 69 direkt darunter ist frei, die Tür war angelehnt, deshalb hat er es nicht gleich bemerkt. Wieder verstaut er seine unscheinbare Fracht, die ihm so schwer auf dem Gewissen lastet, er drückt den weißen Knopf an der Nummer 70, es klimpert dreimal und der Automat wirft sein Kleingeld wieder aus „Wenigstens etwas.“ denkt er sich und atmet dabei stoßweise aus.
Er dreht den Schlüssel an der 69, ohne Kraftaufwand schnappt das Schloss zu, die Anzeige springt auf eine rote Schrift „Besetzt“.
Er vergräbt beide Hände in den Manteltaschen und eilt den Weg zurück den er gekommen ist, ein Schauer läuft ihm den Rücken hinunter, der nicht gerade starke aber doch stetige Wind in der Elbstadt lässt ihn frösteln und seine Ohren schmerzen bereits als er wieder an seinem Wagen ankommt.
Ohne zu zögern steigt er ein, fischt einen kleinen gepolsterten Umschlag vom Rücksitz, wirft den Schlüssel hinein und klebt ihn zu. „Sicher ist sicher.“ denkt er sich und verstaut den Umschlag im Handschuhfach. Er lässt den Wagen an und fährt scheinbar ziellos durch die Stadt,
noch ist seine Aufgabe nicht vollends erledigt. Nach einiger Zeit des scheinbar ziellos Herumirrens findet er sich auf der anderen Seite der Elbe wieder, gerade fährt er an einem funktional-modernen, modern-funktionalem Bau vorbei, der so wohl überall in diesem Land zu finden ist, ein schmuckloses Gebäude in dem tagsüber Menschen arbeiten und das nachts totenstill daliegt. Er parkt in einer kleinen Nebenstraße, holt den Umschlag aus dem Handschuhfach und geht schnellen Schrittes zum Eingang des Gebäudes, vor den Briefkästen bleibt er kurz stehen, dreht den Umschlag noch einmal kurz in seiner Hand, er sieht den in sauberer Handschrift aufgeschriebenen Namen des Adressaten und daneben den Stempelaufdruck in schwarzer Schrift „Persönlich“.
Dann öffnet er die Klappe und wirft den Umschlag mit Schwung ein, ohne sich noch einmal umzusehen macht er kehrt und rennt fast zum Auto zurück.
Auf schnellstem Wege, er hat sich die Route bestimmt dreißig oder vierzig mal angesehen, überquert er die Elbe, fährt auf die Tangente und von da auf die Autobahn Richtung Süden.
Mit jedem Kilometer Abstand zu der Stadt, in die er sich am helllichten Tage nicht wagen würde, wird er ruhiger, sein Puls langsamer.
Er hat schon einiges an Strecke hinter sich gebracht, da fällt ihm erst auf wie warm es im Wagen ist, umständlich entledigt er sich der Handschuhe, des Schals und Mantels.
Mit jedem Kilometer Abstand zur verbotenen Stadt hört er deutlicher ein Pochen in seinem Hinterkopf, hat er wirklich das richtige getan ?
Kapitel 2
Montag, kurz vor Acht Uhr, ein Bürogebäude.
Ein Mann tritt durch den Eingangsbereich auf den langen Flur, die Mundwinkel umspielt ein mildes Lächeln unter wachen Augen.
„Guten Morgen Chef!“, schallt es ihm von hier und dort entgegen, er ist etwas früher dran heute, die Nacht verlief unruhig, tiefen Schlaf fand er nicht. Auf dem Weg in sein Büro gibt er die üblichen Begrüßungsfloskeln zum besten und fragt dann knapp „Korrespondenz?“.
„Schon gesichtet und auf dem Tisch.“ lautet die ebenso knappe wie freundliche Antwort, er bedankt sich und genießt das Gefühl in einem gut geschmierten Uhrwerk zu arbeiten, viele Worte sind nicht nötig, alle Zahnräder greifen ineinander.
Er schließt die Bürotür hinter sich, nach wenigen Minuten lässt er einen jungen Angestellten zu sich bitten, welcher noch nicht lange dabei ist. Nachdem dieser die Tür hinter sich geschlossen hat, lässt er seinen Charme sprühen, „Ich habe eine Bitte an Sie, jetzt da die Winterpause vorbei ist und wir uns wieder voll auf die Arbeit stürzen, wollte ich für alle Kolleginnen und Kollegen spontan ein Frühstück geben, leider komme ich hier heute nicht weg.
Würden Sie mir den Gefallen tun und für mich beim Bäcker die bestellten Brötchen abholen und veranlassen das der Meetingraum ein bisschen hergerichtet wird und Kaffee und Tee für alle da ist?“
Die Miene des Mitarbeiters hellt sich auf: „Aber gerne doch.“
„Sie können meinen Wagen nehmen, dann sparen Sie sich den Sprit und haben ausreichend Stauraum.“, mit diesen Worten erhob er sich und reichte den Autoschlüssel weiter.
In oscarreifer Manier ließ er den Mitarbeiter für den Bruchteil einer Sekunde wegtreten, nur um ihn dann mit gespielter Spontanität aufzuhalten und einen weitere Bitte nachzuschieben.
„Da fällt mir ein, ein Freund hat ein Päckchen für mich am Bahnhof hinterlegt, er ist hier gestern Abend umgestiegen und hatte nur wenige Minuten zwischen den Zügen, so dass ein Treffen nicht möglich war. Würden Sie das Päckchen für mich abholen, der Bahnhof liegt ja quasi auf dem Weg, ich habe beim Bäcker Braune bestellt, dort sind die belegten Brötchen einfach am besten. Ich weiß, ich weiß, private Gefallen gehören wirklich nicht in Ihre Zuständigkeit, aber es wäre sehr wichtig für mich und es müsste ja auch niemand erfahren.“ ein verschmitztes Lächeln rundet die Geschichte gekonnt ab, während er einem Zauberer gleich einen Schließfachschlüssel erscheinen lässt.
Der Mitarbeiter erklärt sich ohne weitere Umschweife dazu bereit und macht sich auf den Weg.
Nun auf seinem Bürostuhl sitzend hakt er in Gedanken einen Punkt mittlerer Priorität von seiner to-do-Liste ab.
Die nächste knappe Stunde ist normales Tagwerk, hier ein Anruf, dort eine E-Mail, nichts was seinen Geist wirklich fordern würde, so recht konzentrieren kann er sich sowieso nicht.
Dann ein kurzes Klopfen an der Bürotür. „Ja.“
Der in die Spur geschickt Verrichtungsgehilfe tritt ein und gibt schon während dessen bekannt: „Alles bestens, die anderen richten gerade den Meetingraum her und kochen Kaffee, die Überraschung ist gelungen.“ Die Tür fällt ins Schloss und er überreicht mit einem breiten Grinsen eine weiße Plastiktüte mit dem Aufdruck FCMTotal, „Ich dachte so ist es etwas unauffälliger, aber es haben sowieso alle nur auf die Bleche mit den belegten Brötchen geachtet. Bis gleich dann, Chef.“
Er sieht wie der Mitarbeiter die Tür hinter sich schließt und seufzt leise, eigentlich ein cleverer Bursche, aber er wird sich trotzdem um ihn kümmern müssen.
In Gedanken fügt er einen Punkt hoher Priorität auf seine to-do-Liste hinzu.
Dann steht er auf, steckt kurz den Kopf aus der Tür und verkündet: „Ich brauche noch zehn Minuten, bitte keine Störungen.“
Er geht zurück zum Scheibtisch, schiebt den Drehstuhl beiseite, greift zu der weißen Plastiktüte und zieht eine einfache braune Schachtel heraus, die Tüte stellt kein Problem dar und landet sofort im Mülleimer.
Ohne Umschweife bückt er sich und zieht die mittlere Schublade seines Rollcontainers auf und nachdem er kurz darin gewühlt hat, findet er den gesuchten Gegenstand.
Als er sich wieder aufrichtet hält er einen Schmuckdolch in seiner Hand, ein Exemplar mit stark geschwungener Klinge, wie es bei vielen primitiven Stämmen als Statussymbol gebraucht wird.
Die Scheide ist mit kunstvoll gearbeiteten Webknoten aus grobem Garn in der Farbe Weinrot verziert. Die Grifffläche ist mit weinrotem Leder umwickelt, es fühlt sich gut an, er vermutet Pferdeleder. Am Griffende ist ein enormer, aus Bronze gearbeiteter Bärenkopf angebracht, der sein Maul weit aufreißt und die Zähne fletscht.
Überhaupt war der Bär als Wappentier und Götze allgegenwärtig, als er bei dem kleinen primitiven Stamm in der Nähe eines morastigen, sumpfigen Gebiets, dass sie selber „berol“ nannten, weilte.
Der Bär war auf den meist recht einfach gehaltenen Handwerkserzeugnissen in aufrechter Pose abgebildet, auch hier das Maul aufgerissen, mal die Zunge herausstreckend, die Pranken zum Angriff erhoben, die höhere Detailverliebtheit des Griffstück lässt auf einiges an Wertschätzung des Stammes an seiner Person schließen.
Die weinrote Farbe stellte nach den alten und reichlich unglaubwürdigen Sagen der Stammesalten das Blut der mutigsten Krieger dieses Stammes dar, daran ließen sie keinen Zweifel.
Er musste einen Lacher unterdrücken und schüttelte den Kopf.
Er schob den leichten Anflug von Sentimentalität beiseite, zog ruckartig den Dolch aus der Scheide, mit einer Drehung des Handgelenks zeigte die rasiermesserscharfe Klinge aus dunklem, minderwertigem Stahl nach oben, die Spitze jedoch nach unten.
Mit 3 schnellen Bewegungen ritze er das braune Klebeband an der Schachtel auf, steckte den Dolch zurück in die Scheide und warf ihn achtlos zurück in die Schublade, dieser gab er einen Tritt und sie fiel scheppernd zu.
„Vergangenheit.“, dachte er, „Jetzt ist die Zukunft.“.
Seiner eigenen Philosophie folgend gab es für ihn nur die Zukunft, immer vorwärts und immer aufwärts.
Er klappte die Deckel beiseite und blickte in die Schachtel. „Amateure !“ entfuhr es ihm laut.
Er sah, dass sie als Einschlagpapier und Füllmaterial eine alte Ausgabe einer Regionalzeitung aus dem Süden verwendet hatten.
Grummelnd fügte er seiner to-do-Liste in Gedanken einen Punkt niedriger Priorität hinzu.
Nachdem er die Zeitung mit der verräterischen Herkunft beiseite geschlagen hatte, kam der Inhalt endlich zutage.
Papier, bunt bedruckt, im Vergleich etwas größer als die größten Euroscheine, dabei auch dicker, fein säuberlich gebündelt und gestapelt, mit breiten roten Gummibändern zusammen gehalten, auf dem Papier recht prominent platziert waren Zahlen: 6,7,8,9 und auch 10.
Die Gummibänder sind in seinen Augen so unverfänglich wie die weiße Plastiktüte von FCMTotal, keinen Punkt auf der to-do-Liste wert.
Er greift mit beiden Händen in die Schachtel, besinnt sich dann aber und kämpft den Drang nieder nachzuzählen, denn er hat seinen unsichtbaren Gegenüber in der Hand, voll und ganz, er würde es nicht riskieren ihn zu hintergehen. Jetzt lächelt er wieder.
Es ist ein breites Lächeln, dass die obere Zahnreihe freilegt, das ein Pokerspieler seinen Gegenspieler zeigen würde, nachdem er ihn erst in Sicherheit wiegte nur um ihm dann zu offenbaren, dass er den Royal Flush getroffen hat, ein Haifischlächeln.
So steht er hinter seinem Schreibtisch und gönnt sich den Luxus seine Gedanken einen Moment ziellos schweifen zu lassen.
Das klingeln des Telefons holt ihn zurück ins jetzt, ein Anruf von intern, „Ja.“.
„In zwei Minuten sind wir soweit, der Kaffee ist schon halb durchgelaufen.“
„Perfekt, danke.“
Mit geschickten Handgriffen zieht er die Tageszeitung aus der Schachtel ohne deren Inhalt auszuleeren, er faltet sie schnell und ohne Sorgfalt und stopft sie dann in seine dunkelbraune, leicht abgewetzte Aktentasche, in der bereits ein kleiner gepolsterter Umschlag wartet.
Er wird auf dem Nachhauseweg einen Umweg machen müssen.
Mit der Schachtel unter dem Arm tritt er zu einem Bücherregal mit bunt zusammengewürfeltem Inhalt, mit der freien Hand beginnt er Bücher zu greifen und auf ein benachbartes Sideboard zu stapeln.
Nach dem er drei Hände voll Bücher umgestapelt hat, erscheint ein Wandtresor, es ist ein Modell mit klassisch rotierendem Zahlenschloss, mechanisch, zuverlässig, schnörkellos, robust, eine bewusste Wahl.
Er dreht die Zahlenkombination ein: 74, 19, 65, 6
Bei der letzten Zahl schnalzt er laut mit der Zunge, er weiß nicht wann diese Marotte anfing oder warum.
Er verstaut die Schachtel im Safe, stellt die Bücher in der richtigen Reihenfolge ins Regal zurück, dreht eine Kontrollrunde um seinen Schreibtisch und geht dann zur Bürotür.
Eine Hand ruht auf der Klinke, einmal tief durchatmen, das milde Lächeln unter wachen Augen ist zurück. „Showtime!“
Dynamisch tritt er hinaus in den Flur....
stanie
;!
Aerolith
ride free, willst Du zu Deinem Text ein wenig Textarbeit?
Mir wird oft vorgeworfen, ich interessierte mich zu wenig für die gegenwärtige Literatur. Nun, ich versuche es immer mal. Kürzlich gab mir eine Freundin ein Buch, das oben genannte von Lilly Lindner. Hier meine Leseeindrücke:
Das hochgelobte Buch der Bärlinerin Lilly Lindner (Jg. 1985) liegt mir vor. Ich muß es lesen, sonst schimpft Gretchen mit mir.
Ich bin bis Seite 40 gekommen und würde es der Ecke der unbezwungenen Denkmuster subsumieren, aber, wie gesagt, ich muß...
Nein, ich beginne nicht mit dem Positiven, da wäre ich zu schnell fertig.
Die Ich-Erzählerin wird mit 6 Jahren von einem Mann in der Nachbarschaft vergewaltigt.
Soviel zum Plot, der auf Seite 11 zu Ende erzählt worden ist. Die nächsten Seiten passiert im Grunde nichts. Sie geht zur Schule, sie schaut auf Wände, sie hat den Lebenswillen verloren. Sie bekommt früh Brüste und will sie nicht. Sie bringt erst schlechte Noten, die aber immerhin fürs Gymnasium reichen, dann gute Noten nach Hause. Der Vater ist mal laut, meist leise, die Mutter ist immer hysterisch, in beiden Ausprägungen. Freundinnen kann sie nicht finden, sie will sterben, ritzt sich, will in die Klapse, wo ein Insasse namens Philipp eine namentliche Erwähnung findet.
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