joerk
[quote="Aerolith"]ride free, willst Du zu Deinem Text ...[/quote]
Klassiker. Heiße Luft.
Aerolith
Unser Frühlingsgedicht:
[b]tempus vernum[/b] (von andere dimension)
auf dem offenen feld
einer ausgeweideten nacht,
musiziert der frühling in vollfarben
und spült die artefakte
unserer liebe
ans licht...
...ein entwurf der hoffnung,
zwischen statischer ästhetik
und kunstvoller strömung...
...fließende übergänge,
in den räumen hinter
den fenstern zweier welten,
die wie gotische kathedralen
das stehende heer
der ewigkeit
beflanken
Aerolith
Gruppendynamik, Gleichheitswahn, Entpersonalisierung, Langzeitarbeitslosigkeit, fettes Essen und die Ungeduld der Ungeduldigen, es möge doch endlich etwas in ihrem Leben geschehen.
Moderne Prosa [url=http://www.forum.vonwolkenstein.de/threads/421-Gegen-die-Aussteuerung]hier[/url]
MD-Reiner
[quote="Aerolith"]Gruppendynamik, Gleichheitswahn, Entpersonalisierung, Langzeitarbeitslosigkeit, fettes Essen und die Ungeduld der Ungeduldigen, es möge doch endlich etwas in ihrem Leben geschehen.
Moderne Prosa [url=http://www.vonwolkenstein.de/forum/showthread.php?421-Gegen-die-Aussteuerung]hier[/url]...[/quote]
Den eigenen Ansprüchen zu genügen, anderen etwas recht machen, mit aller Kraft gut sein zu wollen und doch gelingt so wenig. So wenig? Nein! Es ist der Blickwinkel, der uns so ungeduldig macht. Nicht mehr.
Gut wenn "Schreiberlinge" das so in Worte und Sätze fassen können und dafür sorgen, dass z.B. ich mein Gehirn einschalten muss.
FCM-OldieMartin
Der Tag bricht an:
Die Sonne scheint durch's Kellerloch,
so lass sie doch, so lass sie doch!
:mrgreen: :o
Aerolith
Es gibt nun nicht nur gute Literatur, anspruchsvolle, sondern auch schlechte, Einwegliteratur. Für manch einen ist die aber gar nicht schlecht.
Kategorie "Schlechte Gedichte" [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/152-Kategorie-Schlechte-Gedichte-%28II%29]hier[/url]! Vül Spaß!
Aerolith
Die letzten Tage des Sommers geben noch mal alles. Aber sein Tod ist unvermeidlich. Depriwetter folgt.
Abschied vom Sommer. [url=http://www.forum.vonwolkenstein.de/threads/457-Gestorbener-Sommer]Gestorbener Sommer[/url]
Aerolith
Ein nicht ganz ernstzunehmendes Herbstgedicht verfaßte [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/475-Herbst]Bernd G.[/url]
Aerolith
Wer Lust auf ne altmodische und traurige Geschichte von einem [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/979-Das-M%C3%A4dchen-und-der-Ahornbaum]Mädchen und seinem Ahornbaum[/url] hat, der muß auch Kitsch mögen. Ich mag ihn - manchmal.
P.S. Die fehlerhaften Links in oberen Einträgen bitte ich zu entschuldigen. Repariere ich die nächsten Tage.
Aerolith
Wir befinden uns im Monat Oktober 2017. Vor 500 Jahren schlug Luther seine Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg und setzte damit eine Revolution in Gang, die bis heute nachwirkt. In Magdeburg befand sich die finanzielle und organisatorische Schaltstelle der Reformation. Wir haben diesen Kampf ausgefochten - und gewonnen! Trotz Kaiser- und Papstgegnerschaft und erst recht, nachdem Tilly im Namen des Kaisers unsere Stadt dem Erdboden gleichmachte. Wir stehen immer wieder auf und trotzen im Geiste der Freiheit und Selbständigkeit. Das ist der Geist, der uns großmachte und bis heute antreibt. Gegen alle und jeden, der das behindern oder gängeln will.
Im Kulturhistorischen Museum wird dieser Tage eine Ausstellung mit dem programmatischen Titel "Gegen Kaiser und Papst" gezeigt. Ich habe sie mit einer Freundin besucht, und wir haben ein paar Anmerkungen dazu zu machen.
[size=100][b]Gegen Kaiser und Papst [/b](eine Ausstellung im [url=http://www.khm-magdeburg.de/ausstellungen/sonderausstellungen/gegen-kaiser-und-papst-magdeburg-und-die-reformation/]Kulturhistorischen Museum Magdebur[/url]g)[/size]
Die von der Welt gezeichnete bedeutsame Stadt Magdeburg hatte eine ihrer Hochzeiten während der Luther-Epoche. Es geschah in Magdeburg, als sich die vom Stadtpatriziat bestimmte Ulrichskirchengemeinde als erste im Reich vom Papsttum in Rom lossagte und damit ein Signal für alle anderen vom Stadtpatriziat dominierten Gemeinden gab: Köln, Straßburg, Augsburg, Leipzig und eine östlich gelegene Kleinstadt namens Berlin folgten wenig oder sehr viel später. Der Protest, der nichts anderes war als ein Einklagen von Gerechtigkeit und Selbstbestimmtheit in einer Frage, die damals die wichtigste war, nämlich die des Verhältnisses zum persönlich empfundenen Gott, gab der Bewegung auch bald den Namen: Protestanten. Das war keine Zufälligkeit, daß sich dieser Protest zuerst in Magdeburg in Ostfalen artikulierte. Die alte Kaiserstadt war reich und besaß eine große Vergangenheit, sie war der Ausgangspunkt für die Ostexpansion der Ottonen, ihr gewählter Lieblingsort - zudem beherbergte sie einen Gerichtshof, an dem wichtige Fragen entschieden wurden, die mit dem Magdeburger Stadtrecht verbunden waren, das seinerzeit an allen wichtigen Ortsgründungen östlich der Elbe bis weit nach Rußland hinein Anwendung fand. Da schwoll den Magdeburgern der Kamm und sie dünkten sich als die Größten der Welt. Klarerweise. In Magdeburg macht man es seither nicht unter Kaiser und Papst, alle anderen sind uns drittklassige Gegner!
Frohen Mutes gingen wir also in die zur Zeit angebotene Ausstellung [url=http://www.khm-magdeburg.de/ausstellungen/sonderausstellungen/gegen-kaiser-und-papst-magdeburg-und-die-reformation/]„Gegen Kaiser und Papst“[/url] im Kulturhistorischen Museum zu Magdeburg.
Dem naiven Betrachter fiel der Einstieg im ersten Raum recht schwer – was haben Wandteppiche aus Mallorca sowie diverse Vasen mit der Reformation in Magdeburg zu tun? Natürlich könnte man meinen, Karl der V. sei König Spaniens und gleichzeitig römischer König gewesen; allerdings darf man sich doch recht sicher sein, daß ebendieser keine eher dürftigen Wandteppiche in seinem Schlafzimmer hängen hatte. Vorschlag zur Güte; hängt doch vielleicht eine Sutane eines katholischen Priesters, sowie die eines protestantischen nebeneinander, sollte ein künstlerischer Einstieg gewünscht sein.
Wir haben das fünfhundertste Jahr seit Thesenanschlag, ein guter Zeitpunkt. Was soll eine Ausstellung im Kulturhistorischen Museum leisten? Sollen Fragen für die Gegenwart aufgeworfen werden? Soll gelehrt oder problematisiert werden? Soll der Protestantismus nähergebracht werden?
Vom eigentlichen Geiste des [url=http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=protestantismus]Protestantismus[/url] war unserer Meinung nach wenig zu sehen. Einmal schwang er durch bei dem Bericht über einen Handwerkermeister, der von einem Altgläubigen wegen des Abgrölens lutherischer Gedanken zur Rechenschaft gezogen werden sollte, was aber am Widerstand breiter Bevölkerungskreise in Magdeburg scheiterte und belegt, daß die Reformation eine aus dem Volk kommende Bewegung gewesen war, wie Protest es fast immer ist, denn das Volk spürt am ehesten eine verrückte Welt, eine nur noch dem Establishment und seinen Interessen dienende Rechtsordnung, die dadurch eben zur Unrechtsordnung wird – ganz ähnlich der heutigen Zeit, in der im nachhinein Rechtsbrüche legitimiert werden sollen.
Uns nicht bewußt wurde die eigentliche, hintergründige Intention dieser Ausstellung. Bildungsbürgerbespaßung? Arbeitsbeschaffung für unterbeschäftigte Museale? Gleichgültig. Es wurden Möglichkeiten verspielt, die Reformation, den Protestantismus, das Luthertum als eine soziale Bewegung auch für die heutige Zeit transparent zu machen. Geschichte ist nicht (nur) etwas Vergangenes, sondern v.a. die Interpretation von Vergangenem, ein Ausschnitt allenthalben. Interpretation aber benötigt Gegenwartsbezug und Zukunftsentwurf, dann erst wird sie bedeutsam. Bedeutsamkeit jedenfalls war im KHM nicht zu spüren.
Aber es gibt auch Positives zu berichten: Dem Museumsbesucher selbst überlassen war die Entscheidung, hinter den Lichtschutz einiger besonders wertvoller Bilder zu schauen, was die Neugierde weckte. Auch die Raumaufteilung war im Vergleich zum Naturkunde-Abteil äußerst gelungen. Wände und Raummitten waren angenehm locker arrangiert. Vitrinen und Gemälde ergänzten einander thematisch. Multimedial war diese Ausstellung gut aufgearbeitet, für jeden Typ war etwas vorhanden; auditiv, interaktiv, visuell. Auch farblich interessant, nur fragten wir uns, ob das Rot und Lila jeweils für eine Seite der Kontrahenten Papsttum/Protestanten stand; leider nicht. [url=http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=rollenhagen]Rollenhagen[/url] und [url=http://wiki.vonwolkenstein.de/doku.php?id=melanchthon]Melanchthon[/url] gehörten zur selben Seite, erhielten aber verschiedene Farben. Kein Wettstreit zwischen den sonst guten Blauen (die die Sehnsucht im Herzen tragen) und den Lila-Roten (die ihre Macht gewaltsam durchsetzen wollten). Die Zuweisung der Farben schien willkürlich, was zum Teil für Verwirrung sorgte. Wer erwartet hätte, die multimedialen Möglichkeiten vollständig ausgeschöpft zu sehen, wurde dann doch enttäuscht. Denn es fehlte an bewegungsinduzierter musikalischer Begleitung der Ausstellung, wo doch gerade Martin Luther einen so großen Beitrag zur kirchlichen Musik leistete.
Nun ja, so ein Besuch im KHM ist jedenfalls immer amüsant. Vielleicht war das Einhorn-Skelett am Eingang, das aufgrund der vermuteten Morphologie wohl niemals so würde existieren können, ein Hinweis für den Duktus, in dem die Ausstellung „Gegen Kaiser und Papst“ vom Magdeburger verstanden werden sollte: So was jibt’s ja jar nich!
auch [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/254-Magdeburger-Szene?p=12324&viewfull=1#post12324]hier[/url]
Aerolith
Wer hat eine Idee, wie diese Geschichte weitergehen könnte?
Du gehst also nachts durch dieses verschlafene Nest, denkst an dieses Mädchen aus LA, dessen Namen Du schon längst vergessen hast, denkst an die Leute von damals, an Rickys Bar, an Whisky und Gin Tonic, an Tom, der den Hobo Blues auf seiner Maultrommel geblasen hatte, als wären ihm die apokalyptischen Reiter auf den Fersen und an das Gefühl, trotz allem ein Fremder in dieser Stadt zu sein.
Irgendwo zwischen dem Atlantischen und dem Pazifischen Ozean liegen Deine Träume begraben, irgendwo dort schlagen die kläglichen Überreste Deines Herzens, und dieses Mädchen aus LA, dessen Namen Du schon längst vergessen hast, ist auch nur ein weiterer gefallener Engel in dieser großen Illusion Amerika.
Damals hattet ihr euch jeden Abend in Rickys Bar getroffen, wart irgendwie immer wieder dort gelandet - Du, und all die anderen Ausgebrannten, Gescheiterten, Typen mit vollgestopften Köpfen und leergeräumten Taschen, mit billigen New-York-City-Flittchen, die vor prügelnden Ehemännern auf der Flucht waren, im Schlepptau und dem halbherzigen Glauben an die große amerikanische Hure und den niemals versiegenden Quell ihrer verlogenen Titten. Die ewige Lüge; der ewige Selbstbetrug. Du verkaufst Deine ohnehin nur geliehene Seele für Dinge wie Laufmaschen in ordinären Nylonstrümpfen, schmutzige Kneipen, billige Motels, falsche Blondinen mit ebensolchen Wimpern, Lippenstiftreste an Whiskygläsern und mit rauchiger Stimme ins Ohr gehauchte Lügen, während Du billige Drinks kippst und in einem Anfall vorgetäuschten Selbstzweifels über Dein verschüttetes Leben sinnierst.
Irgendwo zwischen Denver und Albuquerque hatte es begonnen, auf irgend einem dieser gottverlassenen Highways in dieser verschissenen Wüste warst Du ihnen zum ersten Mal begegnet; diesem Mädchen, dessen Namen Du schon längst vergessen hast und Ricky, der hinter die schweinchenrosafarbenen Fassaden der großen Hure geschaut -, ein Heiliger, der es gelernt hatte, mit der Lüge zu leben, nachdem ihm der American Dream einen Tritt in den Arsch verpaßt und ihn wie einen verschimmelten Hot Dog in die Gosse geworfen hatte. Für Dich war er ein Gefallener und Wiederauferstandener auf dieser endlosen, staubigen Straße Leben gewesen und auf einem Baum ein Kuckuck... Simsalabimbambasaladusaladim... auf einem Baum ein Kuckuck saß... ([url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/1240-N%C3%A4chster-Versuch-der-Bezeichnung-M%C3%B6ppel-zu-entgehen]Quelle[/url])
Aerolith
Keltische Dichtungen, Wörter und Informationen in einem Sammelordner seit 2001! [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/1313-Keltischer-Hilfeschrei-und-diesmal-ganz-ernsthaft]Hier[/url].
Aerolith
Ein Weihnachtsgedicht in [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/465-Weihnachten-mit-Schwiegermutter]Robert-Gernhardt-Manier[/url].
Ich saß mit Schwiegermutter
Karola, unterm Baum,
zum Weißbrot gab es Butter,
als Nachtisch Knoblauchschaum.
Wohl gab es auch Geschenke,
für mich ein Sack voll Reis
und neue Hüftgelenke,
sofern ich das noch weiß.
Von mir bekam sie Zähne,
mit Patina und Schmelz,
und wenn ichs schon erwähne,
auch einen Tigerpelz.
Bald trug ich sie zu Grabe,
sie fehlt mir, ach so sehr,
woran ich mich auch labe,
es weihnachtet nicht mehr.
Frohes Fest!
Aerolith
Wer viel schreibt, der bekommt Hunger - und Durst! Schreiben und kochen sind wesensverwandt. Also hier isser, der [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/1406-Freitag-Fischtag-Hannemann-kocht!]Koch-Ordner für Schreibende[/url].
Schnatterinchen
[quote="Aerolith"]Ein Weihnachtsgedicht in [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/465-Weihnachten-mit-Schwiegermutter]Robert-Gernhardt-Manier[/url].
I[b]ch saß mit Schwiegermutter
Karola, unterm Baum,
zum Weißbrot gab es Butter,
als Nachtisch Knoblauchschaum.
Wohl gab es auch Geschenke,
für mich ein Sack voll Reis
und neue Hüftgelenke,
sofern ich das noch weiß.
Von mir bekam sie Zähne,
mit Patina und Schmelz,
und wenn ichs schon erwähne,
auch einen Tigerpelz.
Bald trug ich sie zu Grabe,
sie fehlt mir, ach so sehr,
woran ich mich auch labe,
es weihnachtet nicht mehr.
Frohes Fest![/b][/quote]
;! Ich habe schon Schlechteres gelesen.
Vllt. solltest du ruhig öfter mal solche Dinge hier reinstellen, als mit deinen vielen Links die User auf deine Seite zu locken.
Gesundes neues Jahr!
Aerolith
Das wirst Du schon mir überlassen müssen, wie ich meinen eigenen Ordner führe. Am "Locken", wie Du das nennst, habe ich kein Interesse, nur an begabten Autoren. Die aber hätten sich, sofern es sie hier gäbe, schon langst mal in den letzten zehn Jahren bei mir blicken lasse, seit ich in diesem Forum schreibe. Nein, dieser Ordner dient nicht der Lockung, sondern der Information, aber auch der Bespaßung.
Ein neuer alter Text soll's denn auch heute wieder sein. Die Autorin gab sich seinerzeit viel Mühe mit ihm, fand aber wenig Resonanz. So ist das manchmal; man gibt sich Mühe - und keiner dankt es einem:
[url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/1506-Mit-verbrannten-Fl%C3%BCgeln]Mit verbrannten Flügeln[/url]
Er wollte die Stadt nicht mehr sehen. Er lehnte sich mit geschlossenen Augen in seinem Flugzeugsitz zurück und versuchte die Übelkeit zu unterdrücken, die ihn jedesmal beim Start überkam.
Die Nachmittagssonne durchdrang seine Lider, ließ ihn in ein glutrotes Gleißen blicken. Er sehnte sich nach Stille.
Aber nicht die Art von Stille, die er gestern in dem Sterbezimmer seiner Mutter verlassen hatte.
Fast zwei Tage hatte er in diesem Raum verbracht, alleine mit seiner sterbenden Mutter, die er über zwanzig Jahre nicht mehr gesehen hatte. Bei ihrer letzten Begegnung davor, war sie bewußtlos und ihr Gesicht von Blutergüssen entstellt gewesen.
Als er vorgestern in der Stadt ankam, um dann sofort vom Flughafen zum Krankenhaus zu fahren, versuchte er, so wenig wie möglich aus dem Fenster des Taxis zu blicken. Hätte der Anruf der Stationsärztin nicht so dringend, fast flehend geklungen, er wäre nie wieder hierher zurückgekehrt. Er haßte seine Heimatstadt, er haßte seine Kindheit, die er hier verbracht hatte, er haßte die Menschen die hier lebten - das war ohne Zweifel ungerecht, denn gequält hatte ihn nur sein Vater - ließ sich aber nicht ändern. Er brauchte nur den bayerischen Tonfall zu hören, um sofort wieder alles Scheußliche lebhaft vor Augen zu haben.
Den Vater hatte er eigentlich zweimal das letzte Mal gesehen. Einmal, als er mit siebzehn blutend und vor Wut zitternd von Zuhause ausgezogen war. Und dann das andere Mal, an jenem Abend fünf Jahre später. Diese allerletzte Begegnung sah er noch deutlicher vor sich, als es ihm lieb war.
Damals. Er war gerade siebzehn geworden, ein heißer Junitag und er saß mit seinem Freund Pit in seinem Zimmer. Er massierte Pit den Rücken. Nicht nur wegen der Hitze hatten beide ihre Hemden ausgezogen. Sein Vater mußte schon eine Weile in der Tür gestanden und sie beobachtet haben. Erst als er begann, die Massage auf Pits runde Pobacken auszudehnen, stürzte der Vater sich auf ihn.
Schwule Sau, waren noch die harmloseren Beschimpfungen die von brutalen Schlägen begleitet wurden.
Sein Freund war barfuß, mit bloßem Oberkörper aus dem Haus geflohen. Ihn hat er nie wiedergesehen. Hätte sich die Mutter nicht dazwischen geworfen, hätte ihn der Vater noch schlimmer zugerichtet. Er hatte die schrille Stimme der Mutter noch deutlich im Ohr, bitte, bitte schlage ihn nicht mehr. Sven kann doch nichts dafür. Vielleicht, wenn er ein nettes Mädchen kennenlernt....
Er hatte zwar später viele Frauen kennengelernt, aber das änderte nichts an seiner Homosexualität. Jetzt lebte er schon seit vielen Jahren in Madrid und führte mit seinem Lebensgefährten ein gut sortiertes Antiquariat.
Er versuchte sich zu erinnern, was er seinem Vater zum Abschied gesagt hatte. Es war etwas sehr Wahres und Pathetisches etwas, das nur ein zutiefst gekränkter Junge sagen konnte. Der genaue Wortlaut wollte ihm nicht mehr einfallen, aber es begann bei den alten Griechen und endete bei Gott. Seine Mutter hatte weinend neben dem völlig stoischen Vater an der Haustür gestanden.
Er war noch am selben Tag ausgezogen, höchstens eine Stunde nach dieser Szene an deren Ende die Mutter fast ebenso zerschlagen in seinem Zimmer zurückblieb, wie er selber. Er hatte damals direkt beschlossen keine weitere Nacht mehr dort zu verbringen, obwohl er nicht wußte, wohin er gehen konnte. Schnell waren einige Dinge in seine große Sporttasche gepackt. Er hatte damals tatsächlich daran gedacht, die Wintersachen mitzunehmen, obwohl es Juni war. Als die Mutter dies bemerkte, wurde ihr Schluchzen verzweifelt. Nie wieder war er sich bei einer Entscheidung so sicher gewesen, wie an diesem Tag.
Seine sexuelle Veranlagung war ihm schon lange klar gewesen. Eigentlich seitdem er das erste Mal Lust gespürt hatte. Natürlich war ihm klar, der Vater würde so etwas nie akzeptieren können. Trotzdem hatte er gehofft, sich zumindest erklären zu können. Aus einem für ihn damals völlig unverständlichen Grund lag ihm viel daran, von seinem Vater nicht verachtet zu werden. Als Sven jetzt daran dachte, mußte er lächeln. Ein Gong und die Stimme des Kapitäns brachten ihn in die Gegenwart zurück. Die Stewardessen begannen, die Getränke auszuteilen. Er sah auf die Uhr - merkwürdig, erst vor achtundvierzig Stunden war er vor dem Krankenhaus aus dem Taxi ausgestiegen, um seine Mutter nach über zwanzig Jahren wiederzusehen. Und jetzt war sie tot. [..]
Aerolith
Pawel-Iwanowitsch Nr. 78
Pfiiiuuuuu, Pfiiiuuuu
pfiff der Wind durch die Fensterritzen der ärmlichen Behausung von Pawel-Iwanowitsch, die sich in einem Vorort von Omsk gänzlich in Schnee gebettet verbarg.
Väterchen Frost ward also wieder einmal über Mütterchen Russland gekommen, die Wölfe heulten mit dem Wind und außer den Wodkagläsern klirrte die Kälte.
Das Neujahrsfest stand bevor, was Pawel-Iwanowitsch nicht davon abhielt, wie immer in seiner Küche, die auch Wohn-und Schlafgemach beinhaltete, unter dem Tisch zu hocken und den Dingen nachzugehen, die ihn am Leben hielten: Er trank Wodka und aß dazu rohe Zwiebeln.
Nichts liebte er so, wie unter seinem Tisch zu sitzen, eine Pulle Klaren neben sich und einen Sack Zwiebeln.
Ha. Mochte der Wind pfeifen, der Himmel herabstürzen oder es sich herausstellen, daß die Erde nun doch keine Kugel, sondern ein Betonwürfel - ab dafür!
Ihm völlig schnuppe.
Und dies nun schon seit 17 Jahren.
Was da genau vor 17 Jahren geschehen, vermochte Pawel-Iwanowitsch nicht mehr genau zu benennen - das einzige, was er noch von dieser Zeit wußte war, daß es ziemlich lange dunkel und dann plötzlich ganz hell geworden war. Und dieses Hell war grell, so grell und gleißend, daß es schmerzte.
Pawel-Iwanowitsch wurde nicht gern daran erinnert.
Nur manchmal schien ihm, daß der Wind davon erzählte - aber im nächsten Moment war es nur das alte Lied, daß jener pfiff -
Pfiiiuuuuu - Pfiiiuuuuu.
Samstags ging Pawel-Iwanowitsch außer Haus.
Jeden Samstag.
Er nannte diesen Tag "Schwanentag".
Warum, ist letztendlich nur zu erahnen, sicher ist, daß er an diesem Tag in die öffentliche Banja ging. Dort schwitze er mit einigen im Gleichgesinnten was das Zeug hielt, ließ sich ordentlich die Birkenzweige um den Körper schlagen, trank Bier und aß Salzfisch.
Dies nahm mehrere Stunden in Anspruch.
Anschließend kaufte er sich seinen Wochenvorrat an Wodka und Zwiebeln.
Einmal, es mag schon fünf sechs Jahre her sein, da klopfte es eines mittags plötzlich an seiner Tür. Hm, wer mochte das sein?
Pawel-Iwanowitsch war so verdaddert, daß er gar nicht zu antworten wagte.
Saß nur da und bibberte.
Kurze Zeit später hörte er sich entfernendes Stiefelgeschlurfe.
Das ist eigentlich alles, was es von Pawel-Iwanowitsch zu berichten gibt.
Pfiiiuuuuu - Pfiiiuuuuu.
Diskussionsordner zum Text [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/1568-Pawel-Iwanowitsch-Nr-78]hier[/url]
Aerolith
Kalendarisch soll es zwar Frühlingserwachen geben, aber der Frühling will in diesem Jahr nicht so recht erwachsen werden. Vielleicht hülft ja eine kleine Aufforderung:
"drei monaden frühlingshaft unbedingt", urteilte der verdichter.
allen steckwinkeln innt und allen quellporen aust jetzt nur eins: frühding, frühfink, blühflink! geldkohlen preisen, jedherzen jauchen: der lenz, der faulenz ist da! grün, gelb und grau schnäbelt es tirili, im garten amselt weckgesang auf uns. der maul wurft untergründig wieder auf die erde. blätter und halme lichte zum spriessen hellgrün. bienen erwachsen, blütengelockt und windische treiber ausstürmen den winter. schneeflöckchen läuten, krokusse küssen und märzenfüllen bechern süssen nektar. brennnesseln platzeln sich um den drang an der sonne während der nusswal seine knospenaugen noch halt geschlossen festet. auch zeitet ostern es unvermeidlich jedwie des jahr und der wachs tagt täglich zwei finger breit.
die bauern felden zu fahren, zu ersten die saaten, zu späten die ernten. die tierlein paarig zugange, sie bruten die nestern und wurfen zu jungen. dies alles artet zu dienen erhalt. desgleichen menscht tun, nicht ohne versisch zu hymnen und anzudrechseln die liebe. die steigenden säfte überallen und die drängen sprossen und stängel prallvollen schwer kraften zuwider. die nur, die schütteln bedächtig alten die häupter überdrang den ungestüm und blind der jugend. nicht ohnweis zu lächeln und sich in habenheit zu erüben.
die schöpfung neuschöpft klar quellaus und samet aus speichern. nächst bis zum herbste, der dannwieder die verstimm der gänglichkeit anliedet, beeis er im vorwinter zur starre erruhet und bettleget, was jetzt so bürd sich gewildet.
drei monaden frühlingshaft unbedingt, bepor der offen seine heissen voren sommert. gemaiet die niessluft! der warte november schont auf manchen grufte, so der glaubt, für richten sich hier einzuimmern.
[url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/1604-fr%C3%BChlingserwachsen]Quelle[/url]
Aerolith
Passend zur Walpurgisnacht ein Text meines lieben Freundes [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/982-M%C3%A4gdesprung]lester[/url]:
Mägdesprung
Vergißmeinnicht, dass nie, dass nicht,
sollst hungrig mir durchs Feuer tanzen,
Nachtschatten du, schon abgewelkt,
doch bei Johanni feurig, heilig,
und heute Nacht, wenn du besuchst, dann
spring mich an, mich: Mägdelein,
bis Morgentau sollst ihn mir beissen,
den Ginsterbusch und bis aufs Blut
den roten, roten Fingerhut.
Ist deine Kränzchenzeit,
die sich in meine hat gesteckt und jetzt,
jetzt doppelt schnell zu Ende hetzt.
Dann ist es hin,es bleibt die weiße Rose Schmerz,
der du dann folgst, nun mundgerecht,
du hebst die Hand, hebst auch die Augen,
und mit Erstaunen im Gesicht
begreift du, was du neu erfahren:
du wolltest alles, alles nicht.
Aerolith
[color=#3e3e3e][size=100][font=Tahoma, Calibri, Verdana, Geneva, sans-serif][b]Eduard Eisenpflicht: Ein Aufenthalt im Landschulheim[/b][/font][/size][/color]
[color=#3e3e3e][size=100][font=Tahoma, Calibri, Verdana, Geneva, sans-serif]Endlich war der heißersehnte Tag da, Koffer und Reisetaschen wurden im Anhänger des grünen Käßbohrer-Omnibusses verstaut, dessen windschnittige Form ein rasantes überwinden eklatanter räumlicher Distanzen in Aussicht stellte. Und bald schon pfiff und surrte die durchpflügte Luft an den auf Luke gestellten Fenstern vorbei, Landschaften verzogen sich wie Tellerränder in die Ferne, neue Hügeleien und blaue Bänke tauchten am Horizonte auf, um sehr bald ebenfalls zu verschwinden - es war ein Dahingleiten durch wechselnde Panoramen, bis die Augen mir zufielen, und als ich sie wieder öffnete, stand die haiförmige Rakete vor einem ockerfarbenen Kapellchen, an das sich rechts ein Kloster und links das Landschulheim anschloß, das für eine Woche unser Zuhause zu sein bestimmt war.[/font][/size][/color]
[color=#3e3e3e][size=100][font=Tahoma, Calibri, Verdana, Geneva, sans-serif]Allmorgendlich weckte uns das Bimmeln des Gebetsglöckleins, die Ursulinerinnen deckten unseren Tisch mit luftigem selbstgebackenem Hefestuten und herbem Kräutertee, der Unterricht war der Umgebung angepaßt und betraf Almwirtschaft und Käserei, Kristallkunde und geheimnisvolles Wissen der Strahler, sogar die edle Mathematik war in den Dienst der Beschreibung gewachsener Steine und vermessener Landschaft getreten, und bis in die Urgründe reichende Schönheit und Geistigkeit durchpulste die harten Knabenköpfe. Dann aber hielt ein anderer Bus vor dem Kapellchen, und ihm entstieg eine zwitschernde und lachende Horde reizender Mädchen aus dem nicht weit von Krogstedt belegenen lieblichen Faldera, sie trugen ächzend ihre schweren Koffer ins obere Stockwerk empor, wir Jungen standen seitab und warfen scheele Blicke hinüber, und weil keiner der erste sein wollte, der den jungen Damen seine Dienste anbot, erstarrten wir zu einem Denkmal verpaßter Ritterlichkeit und hörten denn auch entsprechende Bemerkungen, aus denen das Wort "Stiesel" unschön hervorschrillte.[/font][/size][/color]
[color=#3e3e3e][size=100][font=Tahoma, Calibri, Verdana, Geneva, sans-serif]Am Abend ging ich hinaus, um die schneesäuerliche Luft zu genießen, da begegnete mir eins dieser Mädchen, das nach Hause telefonieren und wissen wollte, wo es wohl eine Telefonzelle gäbe. Ich erklärte es ihr, denn ich hatte sie in der Nähe des Bahnhofs schon benutzt, aber sie schien den Weg nicht zu verstehen oder behielt ihn nicht, fragte mich kalbsdumm immer wieder aufs Neue, bis ich mich erbarmte und ihr anbot, sie hinzuführen, was sie unter dem Vorbehalt, daß es mich nicht inkommodiere, gerne annahm. Sie stellte sich vor, verwundert nahm ich ihren Namen - Amala - wie eine seltene Leckerei in den Mund - und sah, daß dunkle Löckchen ihren weißen Nacken zierten, sah abgekaute Fingernägel und ein nicht auf den ersten Blick schön zu nennendes Gesicht. Aber als es sich mir dann zuwandte im Schein des Flutlichts, mit dem eine Loipe zu später Stunde noch übergossen war, und so zutraulich und freundlich vom Juristenberuf sprach, den ich ihr als den von mir auserkorenen gerade benannt hatte - wie doch ein Anwalt, indem er die Verteidigung armer und zu Unrecht beschuldigter Menschen übernehme, so viel Segensreiches zu tun imstande sei - da strömte mir aus diesem wenig bedeutenden Mädchenantlitz eine solche Woge von Herzenswärme und fast kindlichem Idealismus entgegen, daß es in geheimnisvoller Schönheit zu leuchten begann, und es dauerte nur wenige Minuten, da tauschten wir uns über alles, auch das Persönlichste, aus und liefen wie Hänsel und Gretel durch die erhaben im Schneelicht dämmernde Bergwelt.[/font][/size][/color]
[color=#3e3e3e][size=100][font=Tahoma, Calibri, Verdana, Geneva, sans-serif]O wie gern hätte ich ihre Hand erfaßt und um nichts in der Welt wieder losgelassen! Aber sie hatte von ihrem Freund erzählt und daß sie einen anderen nie haben werde, und so sah ich sie beschützt und verbarrikadiert hinter diesem frühen und schon allein dadurch liebenswerten Kameraden, daß sie ihn ihrer bedingungslosen Liebe für wert hielt, all das Leuchten ihres Gesichtes und das melodische Zirpen ihrer Stimme drangen nur aus allerweitester Ferne zu mir und waren doch stark genug, um Sehnsucht in mir zu entfachen, Sehnsucht nach dieser in ihrer Jugendlichkeit und Unverdorbenheit so stark und hoffnungsfroh knospenden Persönlichkeit. Sie blieb stehen und lauschte. Nur ein mit Schmelzwassern gefüllter Tobel ließ fern sein Murren vernehmen, sie wunderte sich über die Stille, und in dieser Stille, ohne einander zu berühren, verschmolzen unsere zartesten Hoffnungen, unausgesprochensten Erklärungen und lieblichsten Daseinsfreuden für einen still entsagenden Glücksmoment miteinander, verglichen mit dem physische Vereinigung ein rohes Gemetzel gewesen wäre.[/font][/size][/color]
[color=#3e3e3e][size=100][font=Tahoma, Calibri, Verdana, Geneva, sans-serif]Ich will die leibliche Liebe keineswegs abwerten, aber was bleibt von ihr, wenn man auf die andere Waagschale dieses feine sich aneinander Herantasten gegenseitigen Entdeckens und Erkennens legt? Was für ein köstlicher Schneeduft durchzog diesen Moment wortlosen Einswerdens, welche Reinheit war darin, wie edel und aufopferungsvoll war er gezeichnet von Verzicht... Für den Bruchteil einer in Ewigkeit nicht aufhörenden Sekunde wußten wir, daß wir einander in unserem tiefsten und größten Wert gesehen und erkannt hatten, fühlten uns durch einander zugleich bedingt und erlöst und leisteten einander unausgesprochen das Gelöbnis immerwährender Freundschaft. Vier gemeinsame Tage lagen noch vor uns, aber wer nun glaubt, daß wir unzertrennlich geworden wären, irrt sich gewaltig, denn eher war das Gegenteil der Fall. Im Bewußtsein des kostbaren Schatzes, den wir einander anvertraut hatten, mieden wir es, mit einander allein zu bleiben, ja, ich bandelte mit einem anderen Mädchen an, das immer müde und wie kurz vorm Sterben aussah, verwischte so die Spur unseres geheimen und wortlosen Bündnisses - und las in wenigen kostbaren Momenten in Amalas Augen freudige Dankbarkeit. [/font][/size][/color]
[color=#3e3e3e][size=100][font=Tahoma, Calibri, Verdana, Geneva, sans-serif]Diskussion zum Text [url=http://forum.vonwolkenstein.de/threads/1825-Eduard-Eisenpflicht-Ein-Aufenthalt-im-Landschulheim]hier[/url][/font][/size][/color]